Respekt
Der Baum ist klein, etwas angeschlagen. Ein Ast ist tot. Er steht auf Felsen, hat nur eine Handvoll Erde um sich zu entwickeln. Und trotzdem lebt er. Der Baum ist alt. Viel größer wird er nicht mehr werden. Er ist einer der nördlichsten Bäume auf unserer Erde. Er steht auf einer Insel auf dem Inarisee in Nordfinnland. In dem Winter bevor ich ihn fotografiert habe, soll es -52° gewesen sein. Er hat das überlebt. Respekt vor diesem kleinen Bäumchen.
Die Inseln im Inarisee sind alle klein und flach. Nur diese eine Insel ist ein hoher Felsen. Die Samen haben dort ihre Götter verehrt. Im Sommer sind sie mit dem Kanu hingefahren. Es galt die Regel: Mit leisem Paddelschlag! Wer mal Kanu gefahren ist, weiß, das ist nicht einfach. Man muss sich sehr konzentrieren und schnell geht das schon mal gar nicht.
Der Baum steht da, wo die Kanus anlandeten.
Das Bild hing in meinem Büro. Es sollte mich immer wieder daran erinnern, dass Menschenn oft nicht das Notwendige hatten gut zu gedeihen. Dass viele manches überstanden haben, was ich nicht überstehen würde. Dass ich Respekt haben soll, auch wenn es so einfach wäre auf sie hinunterzuschauen.
Augenhöhe
Ich bin noch ein ganz junger Bewährungshelfer. Im Studium hatte ich Recht schätzen gelernt, war auf dem neuesten Stand. Ein Proband, vielleicht 20 Jahre älter als ich, hatte Probleme mit Arbeitsamt, Sozialamt. Beide wollten nicht zahlen, schoben jeweils dem anderen die Entscheidung zu. Der normale Wahnsinn damals. Ich denke nach und sage: „Sie machen jetzt das und dann das und dann das, in genau der Reihenfolge und dann klappt das.“ Stille. Ich war mir sicher, dass genau das der Weg war, mit dem er zum Ziel kommen würde. Seine Antwort, sehr bestimmt: „So gehen Sie mit mir nicht um!“ Nun war ich erst einmal still. Und dann: „Wie denn?“ Diesmal war er überrascht. Und dann, sehr sehr freundlich: „Das zeige ich ihnen.“
Ich habe von ihm viel gelernt über Achtung, über Augenhöhe…
"Wer kämpft, macht etwas falsch."
Vor einigen Jahren war ich auf einem Plattbodenschiff auf dem Ijsselmeer. Diese Segelboote waren früher Lastkähne, heute sind es Touristenschiffe.
Der junge Skipper erzählte: Er war einige Wochen vorher mit dem Schiff unterwegs, als heftiger Sturm aufkam, Windstärke 6 bis 7 mit entsprechend harten Wellen. Er hatte alle Mühe das Schiff auf Kurs zu halten. Er brauchte alle seine Kraft auch nur das Steuerruder festzuhalten. Er wusste lange nicht, ob er es bis zum Hafen schaffen würde, aber er kam an. Er war fix und fertig.
An dem Abend erzählte er das in einer Schifferkneipe. Da sagte ein alter Skipper: „Wenn du kämpfst, machst du etwas falsch.“ Der junge hat sich aufgeregt: Das war ein heftiger Sturm, was hätte ich denn tun sollen? Wenn man da nicht kämpft, ist alles vorbei! Aber der Alte blieb bei seinem Satz. Er wusste auch nicht, was der Junge anders machen könnte, aber er war sich sicher: „Wenn du kämpfst, machst du etwas falsch.“
Der junge Skipper war ziemlich wütend. Aber er hat sich dann doch am nächsten Tag sein Schiff nochmal genau angesehen, neu vermessen, überlegt und dann den Mast etwas anders abgespannt, so dass die Spitze um ein paar Fingerbreit versetzt war.
Damit war das Schiff im Gleichgewicht.
Und er sagte: „Windstärke 6? Mache ich seit dem Tag mit zwei Fingern.“
Schwarz
Ich frage ihn nach seinem Lebenstraum: „Ein großes Loch mit Schnellbinderbeton. Alle Menschen hineinstoßen und dann selbst hinterherspringen.“ Er klagt viel über Menschen, besonders über Politiker, Lehrer, Ausbilder, Richter… Manchmal schreit er seine Wut heraus.
Er interessiert sich für Technik. Einmal erzähle ich ihm von einer neuen Erfindung. Eine englische Firma hat ein 99,965%iges Schwarz entwickelt. Das interessiert ihn. Das Schwarz ist wichtig für Teleskope und Messinstrumente. 100% kriegt man nicht hin.
Es gibt kein Schwarz. Es gibt auch kein Weiß. Es gibt nur verschiedene Graustufen.
Jahre später sagt er, diese Erkenntnis habe ihn verändert. Es gibt kein Schwarz. Es gibt kein Weiß.
Und Farben. Farben gibt es.
Frühstück
Ich bin mit meiner Tochter in der Wohngemeinschaft meines Bruders. Die WG ist offen. Jeder kann kommen. Manche kommen für eine Nacht, manche für Jahre. Obdachlose, Flüchtlinge, Sinnsuchende (und -findende). Jeden Samstagmorgen gibt es Frühstück für alle, die kommen wollen. Es ist nie klar, wie viele mitessen. Es werden immer mehr. Eine Nachbarin, eine Frau aus der Psychiatrie, ein Geistlicher, mehrere von der Straße, Christen, Moslems, Atheisten, ein Hindu. Es geht um viele Themen. Eine Frau am Tisch war Jahre wegen Terrorismus in Haft. Eine fragt sie, was sie sich damals gedacht haben und sie erzählt vorsichtig. Der Geistliche hört zu und sagt dann: „Mein Vater stand auf eurer Todesliste. Wir hatten viel Angst um ihn“ — Und beide Seiten versuchen ein Gespräch, auch wenn Worte manchmal fehlen. Beide Seiten achten einander; es ist ein sehr sehr schwieriges Gespräch, aber es ist eins. Und sie vereinbaren weitere Treffen. Sie merken, dass sie, wenn auch von völlig verschiedenen Seiten kommend, auf der gleichen Suche sind.
Dieses Frühstück ist jetzt über 20 Jahre her. Es bewegt mich immer noch. Ich habe Frieden erlebt.
Psychiatrie
Ich bin in Basel, 10 Tage Exerzitien auf der Straße. Ein wichtiger Text ist der von Moses am Dornbusch. Er geht mit seinen Schafen in die Wüste, sieht dort einen brennenden Dornbusch. Seltsam: Der Busch brennt immer weiter. Er geht hin und hört eine Stimme: Zieh deine Schuhe aus, du stehst auf heiligem Boden.
Wir bekommen eine Liste mit Orten, die wichtig werden könnten für eine Erfahrung. Darauf steht auch die Psychiatrie. Da will ich nicht hin. In meinem Studium war ich im Praktikum in einer Psychiatrie. Ein brutaler Ort. („Schwester, warum muss ich um 18 Uhr ins Bett. Ich bin ein erwachsener Mann. Ich möchte auch mal die Tagesschau sehen und vielleicht sogar den Film danach.“-„Möchten Sie noch ein paar Elektroschocks?“ Oder: Eine Frau beschwert sich über einen Mitpatienten, der sie regelmäßig missbraucht. Sie will das nicht, sie will Schutz. „Tja, dann muss der wohl in die Psychiatrie. Hihi.“ Schutz bekommt sie nicht.) Aber oft ist genau der Ort wichtig, wo man nicht hin will. Also gehe ich.
Ich gehe durch das Gelände. Ich finde ein Gemeindezentrum, das auch für Vorträge aller Art genutzt wird. Nichts. Ich gehe durch den Park, aufmerksam. Nichts da, was mich anspricht. Niemand, der mich anspricht. Ich gehe in die Cafeteria. Vielleicht dort? Ein Patient setzt sich neben mich. Er erzählt mir sehr viel. Er spricht Schwyzerdütsch. Ich verstehe so gut wie nichts. Er scheint froh jemanden erzählen zu können. Ich gehe nochmal los, komme durch das Gelände wieder zu dem Gemeindezentrum. Nichts. Ich bete: „Ich hatte gedacht, dass dieser Ort wichtig für mich sein könnte. Aber ich fühle mich nicht angesprochen.“ Und ich bekomme eine Antwort, sehr klar: „Das Gleiche nochmal ohne Schuhe.“ Immerhin, ich darf sie mitnehmen.
Ich gehe langsam, zögernd. Es ist November, der Boden ist kalt und nass. Auf den Wegen liegt Splitt. Der tut ein bisschen weh. Mir kommt eine Gruppe Schwestern/Pfleger entgegen. Der Gesichtsausdruck ist eindeutig: „Zu welcher Station mag der gehören?“ Ich bin verrückt geworden. Mit jeder Gruppe, die mir begegnet, gehe ich aufrechter, blicke zurück. Als ich wieder am Gemeindezentrum ankomme, ist mir klar: Mein Ort ist neben den „Verrückten“, Klienten, Ratsuchenden. Nicht über ihnen. Aber mit meinem Wissen und meiner Erfahrung. Ein Diplom-Verrückter halt.
Heinzi
Exerzitien in Berlin. Meine Frau und ich kommen nach langer Fahrt mit dem Auto in Berlin an. Es ist heiß. Das Elend breitet sich aus. An jeder roten Ampel jemand der jongliert, die Scheiben „putzt“ oder auf andere Weise bettelt. Ich kann das schwer ertragen. Ich weiß auch nicht, wie das gehen soll, Exerzitien machen mit meiner Frau zusammen. Am nächsten Tag gehen wir nach einem Impuls am Morgen los. Ich weiß immer noch nicht, wie das gehen soll. Wir kommen auch nicht weit. Da ist ein Café. Wir setzen uns. Meine Frau muss nach einiger Zeit auf Toilette. Ich bin allein, komme ins Beten: Du, ich habe soviel Arbeit einfach liegen lassen. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Bist du sicher, dass du mich hier haben willst? Und da steht ein Mann auf, kommt quer durch das Café auf mich zu, nimmt mich in den Arm und sagt. „Wie gut, dass du da bist.“ –!!!- Ein Mann kommt von der Toilette, sagt: „Heinzi, du sollst das doch nicht immer machen!“
Es folgt eine unglaublich dichte Woche, in der ich begreife, dass ich selbst bedürftig bin, mir aber nicht zugestanden habe das zu zeigen. Ich verstehe, warum mich die Bettler so genervt haben. Ich schreibe ein Schild „bedürftig“ und will selbst in einem U-Bahnhof betteln. Als ich da bin, traue ich mich einfach nicht. Ich gehe wieder raus. Da steht ein Plakat: „Geht nicht gibt’s nicht.“ Also doch. Ich spiele Flöte. Mit langem Zögern, zaghaft, möglichst dann, wenn niemand da ist.
Am Ende der Woche kehre ich an diesen Platz zurück, spiele laut und fröhlich aus Dank für diese Zeit.
Am Abend sitze ich auf einer Bank. Ich bete, danke für die Woche und habe eine Bitte: Du, Gott, hast mich so unglaublich begleitet. Es wäre schön, wenn das auch im Alltag möglich wäre. Und ich bekomme eine Antwort, beinahe gelangweilt, sehr trocken: „Schau doch mal nach links.“ – Da sitzt meine Frau.
Ein Neonazi
Ein Neonazi quält einen Fremden. Der muss sich im Bahnhof auf eine Schiene legen. Der Neonazi drückt mit seinem Stiefel auf den Kopf. Der Fremde hat Todesangst. Zu Recht. Immerhin, er lässt nach einer Weile von ihm ab.
Der Neonazi wird verurteilt. Haft ohne Bewährung. Draußen stehen seine Kumpanen, kleben Parolen an die Laternen. Einer ruft: „Jeder Kinderficker läuft frei rum, aber anständige Deutsche müssen in den Knast.“ Ich sage, dass ich mit ihm reden muss, aber sicher nicht in einer solchen Umgebung. Er habe keine Zeit. Wir verabreden Sonntags, 6:30 Uhr.
Er kommt. Mit seiner Freundin.
Ich frage ihn, ob auch er etwas gegen pädophile Sexualtäter hat. Natürlich. Und was? Er ist irritiert, zählt aber auf:
Die Gemeinheit, sich an Kindern zu vergehen.
Die Schäden, die in der Seele von Kindern angerichtet werden.
Die Feigheit, Wehrlose zu drangsalieren
Ich ergänze, dass es Kreise gibt, die sich gegenseitig versichern, dass das alles normal ist, die sich Videos schicken und sich so gegenseitig aufgeilen, dass es „Wissenschaftler“ gibt, die das alles gut heißen…
Und dann frage ich ihn, ob er sein Handeln in dieser Liste wiedererkennt. Er wird immer stiller.
„Sie sind ein Sexualtäter, nur ohne Sex.“
So, denke ich, jetzt haut er mir eine rein.
Und da sagt seine Freundin: „Genau das versuche ich dir seit drei Jahren zu sagen. Und: Ich habe dich lieb.“
Und er geht. Er zieht weg, ändert seine Telefonnummer. Zwei Kumpane fragen mich immer wieder, wo er geblieben ist. Er hat den Kontakt zu ihnen völlig abgebrochen.
Vor-L(i)eben
Zur Goldhochzeit meiner Eltern habe ich folgenden Text geschrieben. Er zeigt ganz gut, auf welcher Grundlage ich denke und arbeite.
Es ist nicht einfach, etwas über Euch, über uns uu schreiben. Viel habe ich von Euch gelernt, auch vieles, was nicht selbstverständlich ist. Ich habe an Eurem Beispiel gelernt zu sagen, was mir nicht gefällt und zudem Kritik an mir nicht als Angriff, sondern als gutgemeinte Hilfe zu verstehen. Aber jetzt will ich nicht kritisieren, sondern ich will saen, wodurch Ihr mich so reich gemacht habt, will mich bedanken. Aber genau das habe ich nicht gelernt, denn Ihr habt das nie verlangt.
Ich habe fünf Geschwister. Sie sind sehr unterschiedlich. Sie, und ich, werden alle von Euch geliebt, nicht weil sie so oder anders sind, sondern einfach jeder so, wie er sit. Liebe ohne "weil" oder "wozu" habe ich von Klein auf erlebt und gelernt.
Oft hat einer/r vor Eurer Tür gestanden und Ihr habt sie nicht wieder zu gemacht. Ich erinnere mich, dass wir auf Christian warteten, der dann viel später kam als geplant, dafür aber noch zwei wildfremde Tramper mitbrachte. ("Ihr habt doch sicher Platz für sie."). Ich erinnere mich an die Krähe, die wohl aus dem Nest gefallen war und aufgezogen und wieder freigelassen wurde. Ganz wichtig war für mich Edgar, der für einen Nachmittag kam und zwei Jahre blieb und Sachen sagte und tat, die wir bis dahin nicht für möglich gehalten hatten. Ganz wichtig auch Oma, die reizen konnte, bis ihr selbst gereizt wart und doch aufgenommen wurde, als es notwendig war.
Das sind nur einige Menschen von vielen, die mir jetzt in den Sinn kommen. Ihr habt nicht nach Leuten gesucht, die Euch brauchen, aber Ihr seid da, wenn es nötig ist. Es war bestimmt oft sehr schwer, für sie da zu sein, manchmal bis an die Grenzen der Belastungsfähigkeit. (Edgar: "Für Ihr hohes Alter sind Sie noch recht strapazierfähig.") Aber ich habe auch gesehen, wie Ihr mit jedem reicher geworden seid.
Dann ist da Eure Vorstellung von Recht. Ich erinnere mich, dass Ihr vormittags fassungslos vor dem Radio saßt und die Meldungen vom Einmarsch der Sowjets in die Tschecheslowakei hörtet. Auch im Kleinen hat Euch Unrecht oft empört, besonders gegen Schwächere und in der Kirche. Ich erinnere mich, dass Ihr verschiedene Menschen begleitet habt, damit sie das bekamen, was ihnen zustand. Nicht ständig zu schauen, was der rechte und der linke Nachbar tut, sondern selbst zu überlegen, was richtig und was falsch ist und entsprechend zu handeln (wenn nötig auch gegen den Strom) habt ihr uns vorgelebt und beigebracht.
Wichtig ist auch die Vorstellung von Treue, die Ihr gelebt habt. Dazu gehört natürlich die eheliche Treue, die eine gute Partnerschaft mit einschließt, aber viel mehr als das. So wurde die Entscheidung Edgar aufzunehmen in der ganzen Familie gefasst und es war damals sehr klar, dass eine solche Entscheidung auf Dauer bindet. Besser als ich das sagen kann, hat es Antoine de Saint-Exupéry getan: "Man ist zeitlebens für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat."
Diese Treue habe ich natürlich auch an mir erfahren und trage sie in mir. Bei den Hausaufgaben saß meine Mutter oft daneben. Kochen, Putzen, Waschen habe ich als Kind nicht recht zu würdigen gewusst. Ich kann mich an Lateinübungen mit meinem Vater erinnern, an Besuche im Schwimmbad mit ihm, in mancher Saison beinahe jeden Abend. Auf die Frage jeden Mittag: "Wie war's in der Schule?" habe ich sicher of ähnlich ungenaue Antworten gegeben, wie ich sie heute häufig von meinen Kindern bekomme. Trotzdem war das Fragen wichtig. Und ich habe verstanden, dass Ihr für mich da seind, auch wenn Ihr es sehr unaufdringlich seid.
All das war mir immer selbstverständlich, auch mein und Euer Glaube, der damit zusammenhängt. Ich bin sehr reich.
Dafür danke ich Euch.
Gast + Gastgeber
Namka und ihre vier Kinder hatten mit uns, einer Familie mit vier Kindern im gleichen Alter, ein Jahr zusammengelebt. (Näheres https://inkluenzerin.com/tag/bosnien). Dann stand ihr Auszug bevor. Ich war in der Kirche. In der Messe gibt es ein Gebet vor der Kommunion, das mit bis dahin nichts gesagt hatte: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach..." Und plötzlich hatte dieser Satz eine Bedeutung. Ich habe gemerkt, dass ich Gott zu Besuch hatte. Das ist jetzt schwer verständlich für jemanden, der nicht Christ ist. In der Bibel kommt immer wieder der Satz vor: „Was ihr an Bedürftigen getan habt, das habt ihr an mir getan.“ In dem Moment habe ich begriffen, dass das tatsächlich so ist! Und ich habe verstanden, dass ich Gott beherbergt habe. Und das war ein Gefühl von: Wie sehr ich beschenkt worden bin. Und dass die Attitüde: „Ich bin hier der Gastgeber und ihr seid die Gäste“ oder „Ich bin hier der Große und das sind die Hilfsempfänger“, „Ich bin der Tolle und das sind die Armen“ – dass das hinten und vorne nicht passt. Sondern ich bin beschenkt worden. Reich, sehr sehr reich.
Christen + Muslime
Namka hat wohl etwas ähnliches gespürt. Sie hat Jahre später die Hadsch gemacht, die Pilgerreise nach Mekka. Das ist nicht nur eine Reise, das ist ein lange vorbereitetes religiöses Erlebnis in der Gruppe. Dazu gehört, dass die Pilger in Medina sich berichten, wo sie Gottes Wirken in ihrem Leben gespürt haben. Namka hat erzählt: "Als ich in hoher Not mit meinen Kindern von Christen aufgenommen worden bin." In Mekka gehen die Pilger sieben mal um die Kaaba. Das ist der Höhepunkt der Hadsch. Wer will, kann nochmal 7 mal die Kaaba umrunden in Gedenken an jemand anderen. Das gilt dann so, als sei der selbst dort gewesen. Das hat sie getan für ihren ermordeten Mann, für ihre Eltern, für ihre vier Kinder, für unsere vier Kinder, für meine Frau und für mich. Also noch 11 mal 7 mal. So bin ich als Christ in Mekka gewesen. Darauf bin ich sehr sehr stolz.
am Rand
Mail über "meine" Frau
Am Montag vor 12 Tagen hat sich Marita gebückt und bekam heftige Kopfschmerzen. Nach einigem Hin und Her wurde festgestellt, dass eine Ader (Aneurysma) im Gehirn geplatzt war und ins Gehirn geblutet hatte. Zu dem Zeitpunkt war es wohl wieder verschlossen. Sie kam in die Intensivstation. Sie wurde noch am Montag operiert. Vor der OP war sie voll bei Bewusstsein, orientiert, konnte alles gut bewegen. Die OP war erfolgreich: Das Aneurysma ist nun verschlossen.
Sie blieb aber noch einen Tag in der Narkose zur Schonung des Gehirns, dann wurden die Narkosemittel abgesetzt. Sie wachte aber nicht auf. Es gibt dafür zwei mögliche Gründe: 1. Es waren noch zuviele Narkosemittel im Körper gespeichert oder 2. Der Teil des Gehirns, der für das Wachwerden zuständig ist, ist gestört. Er liegt an der Stelle, an der die Operateure das Gehirn zu Seite schieben mussten, um an das Aneurysma heranzukommen. Es gibt Hinweise, dass die zweite Möglichkeit wahrscheinlicher ist. Sicherheit gibt es nicht.
Dann trat die bei Gehirnbluten gefürchtete Folge ein: Das Blut, das ausgetreten war, schwimmt ja im Gehirnwasser und wird nur sehr langsam abgebaut. Es reizt die Adern, die sich daraufhin verkrampfen können. Bei Marita taten sie das an verschiedenen Stellen. Die Folge ist, dass das Gehirngewebe hinter dem Krampf nicht mehr richtig versorgt wird und abstirbt (Schlaganfall). Es wurde eine ganze Menge versucht, um das Krampfen aufzuhalten oder wenigstens die Folgen zu mindern. Unter anderem wurde sie wieder in sehr tiefe Narkose gelegt. Dann braucht das Gehirn weniger Sauerstoff und hält Verkrampfungen besser aus.
Trotz allem sind mehrere Stellen im Gehirn nachweisbar, die abgestorben sind. Das Gehirn schwoll immer weiter an, bzw. weil im Schädel ja kein Platz ist, war der Gehirndruck viel zu hoch, was zu weiteren Schäden führen kann.
Wir waren in dieser Zeit viel zusammen. Die "Kinder" und ihre Partner haben sich gegenseitig gestützt und mich. Ich wohl auch sie. Wir hatten einfach Angst, gleichzeitig waren wir hilflos.
Am Dienstag dieser Woche hatten wir wieder einmal ein Gespräch mit einem Arzt. Der erklärte, dass die Krämpfe weitergehen, ein Teil des Gehirns nach dem anderen abstirbt und sie dagegen wenig tun können. Nach dem, was sie wüssten, sei auch das Stammhirn betroffen, was für ganz wichtige Aufgaben da ist. Sehen könne man das u.a. daran, dass sie nicht blinzelt, wenn man die Augenhornhaut berührt. Das sei ein Reflex vom Stammhirn. Es gebe zwar die Erklärung, dass die tiefe Narkose der Reflex verhindere, aber im Grunde mache man sich etwas vor, wenn man das annehme. Er sagte, dass sie vermutlich gerade sterbe oder schon tot sei. Auf die Frage, ob es denn die Hoffnung gebe, dass der Krampf wieder aufhören, sagte er, das gebe es nicht. Er wolle uns nicht die Hoffnung nehmen, aber er wolle auch nicht, dass wir falsche Vorstellungen hätten.
Noch während ich dies schreibe, kommt mir die kalte Angst hoch.
Ich sitze an ihrem Bett. Sie atmet. Aber das ist eine Maschine. Ihr Herz klopft, aber auch das sagt nicht viel.
Ich schließe die Augen. Das erste, was ich fühle, ist, dass sie mich im Arm hält. Ich weiß, das ist nicht wirklich und gleichzeitig ist es mehr als das. Ich spüre, wie sehr sie mich liebt. Und ich spüre noch etwas: Ich falle nicht. Da ist etwas sehr Großes, das mich hält. Und eine Frage: Glaubst du? [Ja] Und ein Versprechen: Ich halte dich, ich bin da. Auch das ist nicht „wirklich“ und gleichzeitig mehr als das.
Ich habe Christian angerufen. [mein Bruder, Arbeiterpriester in Kreuzberg] Er kam am nächsten Vormittag aus Berlin. Gleichzeitig habe ich mich mit dem Thema Krankensalbung beschäftigt. Ich habe meine Schwierigkeiten zu glauben, dass Gott Kranke gesundmacht, weil wir ihn darum bitten. Das wäre ein seltsamer Gott. Aber mindestens glaube ich, dass er wirksam ist, weiterhilft. Ich kann das schlecht beschreiben und es ändert sich auch.
Ich habe mit Christian vor unserem Haus gesessen. Da kam ein Nachbar vorbei, fragt nach Marita und erzählt, dass sein Bruder seit 14 Jahren im Bett liegt, nicht sprechen kann, sondern mit einem Finger sehr mühsam auf einer Buchstabentafel zeigen kann, was er sagen will. Für mich klingt das attraktiv.
In Vorbereitung auf die Krankensalbung habe ich ein Gebet gesucht, das Marita oft bei Exerzitien vorgelesen hat und auch zu anderen Gelegenheiten. Ich bin dazu an ihren Computer gegangen, was ich sonst nicht tue. Beim Suchen nach diesem Gebet bin ich auf eine Liebeserklärung an mich gestoßen, auf viele Texte zum Thema Trauern aus ihrem Einsatz bei Hospiz. Ich habe sie nur überflogen. Sie sind (noch) nicht dran, aber es ist gut zu wissen, dass sie da sind, dass sie mich noch nach ihrem wahrscheinlichen Tod trösten wird.
Ich habe dann das Gebet gefunden. Wenn ich es lese, höre ich ihre Stimme:
Zum Hörenden sagt Gott ganz leise:
In die Lichtblicke deiner Hoffnung
und in die Schatten deiner Angst,
in die Enttäuschungen deines Lebens
und in das Geschenk deines Zutrauens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In das Dunkel deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Wohlwollens
und in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In das Spiel deiner Gefühle
und in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens
und in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In die Fülle deiner Aufgaben
und in deine leere Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten
und in die Grenzen deiner Begabung
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In die Enge deines Alltags
und in die Weite deiner Träume
und in die Kräfte deines Herzens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
In das Glück deiner Begegnungen
und in die Wunden deiner Sehnsucht
in das Wunder deiner Zuneigung
und in das Leid deiner Ablehnung
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
Die Kinder, ihre Lebensgefährten, eine Freundin von Marita, Christian und ich haben die Krankensalbung in der Krankenhauskapelle "gefeiert".
Wir durften nicht alle gleichzeitig zu Marita. Neben den liturgischen Texten wurde auch der Text über die Liebe im Korintherbrief vorgelesen. Es ist ein Teil des Textes, der bei unserer Hochzeit vorgelesen wurde. Und das obenstehende Gebet und das Lied Nada te turbe gesungen. Marita mag das sehr.
Eine "Delegation" ist dann zu Marita gegangen, hat das wichtigste dort wiederholt. Christian hat Marita gesalbt.
Am nächsten Tag stand ich an ihrem Bett und habe nochmals leise gebetet, mit ihr gesprochen, die Füße massiert... Ich habe dann ein Geräusch von der Zimmernachbarin gehört. Sie lag dort schon, als Marita kam. Bis zwei Tage vorher konnte sie gar nicht reden, am Tag davor mit Mühe einzelne Worte. Ich bin hingegangen, weil ich dachte, sie wolle vielleicht die Krankenschwester rufen. Sie sage aber mir einen Satz: „Man muss es nehmen, wie es ist.“
Der Satz ist nicht neu. Und bis jetzt habe ich ihn immer als Floskel abgetan. Aber tatsächlich ist er wichtig: Ich verpasse zu viel damit, dass ich darüber nachdenke, was sein wird, dass ich versuche, mich darauf vorzubereiten. Jetzt kann ich sie massieren, streicheln, neben ihr beten, sie segnen, küssen. Ich hätte gerne mehr, aber darum geht es nicht. Ich habe Angst, dass es weniger wird, aber darum geht es auch nicht. Es geht um das, was jetzt ist.
Die Krankensalbung, die Vorbereitung dazu und dieser Satz haben mich wesentlich ruhiger werden lassen. Und dankbar.
Ich weiß nicht, ob eine Verbindung besteht und ich will auch keine konstruieren: Seit dem Mittwoch ist der Gehirndruck massiv gesunken und ist im guten Normbereich. Der Reflex des Zwinkerns ist wieder da.
Das alles heißt alleine noch nicht viel. Und ich will weiter im Jetzt bleiben. Trotzdem ist die Hoffnung jetzt ein bisschen größer, dass sie in einem irgendwie erträglichen Zustand leben kann.
Ich weine ab und zu. Manchmal bin ich auch vorsichtig glücklich oder eher gelassen, dann wieder habe ich einfach Angst. Es hilft mir sehr, wie meine Familie zusammensteht. Auch die vielen Mails, SMS, manche Anrufe helfen mir.
Die Grundstimmung aber ist Dankbarkeit und Vertrauen. Ich spüre die Zusage: Ich bin da. Und diese Zusage kommt von Gott und von Marita gleichermaßen.
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Das ist jetzt 12 Jahre her. Marita ist wieder aufgewacht. Es war sehr schwierig, für sie und die Familie. Ärzte sagen, nach den CT-Bildern von ihrem Gehirn hatten sie eine schwerstbehinderte Frau erwartet. Tatsächlich gibt es Einschränkungen. Am Anfang heftige, auch eine halbseitige Lähmung. Die überwindet sie beinahe. Es wird immer besser. Sie arbeitet sogar noch ein Jahr als Lehrerin, wenn auch sehr eingeschränkt. Und wir haben noch weitere 7 Enkelkinder kennengelernt.
Ich liebe diese Frau und sie liebt mich und Gott liebt uns beide. Das ist alles eins. Und: Ich muss vor nichts mehr Angst haben. Ich bin in Gottes Hand.